Wir trauern um Reinhard Urbach
Reinhard Urbach ist am 5. September im 86. Lebensjahr verstorben.
Zu seinem 70. Geburtstag hat Reinhard Urbach ein Interview gegeben, in dem er von seiner Flucht aus der DDR erzählte. Er habe mit 17 maturiert und sei dann, weil kein Arbeiterkind, in ein Mähdrescherwerk in Weimar gesteckt worden, um sich für ein Studium zu qualifizieren. Von dort aber sollte er zur Armee, zur sogenannten kasernierten Volkspolizei, entsandt werden. „Zur Armee“, sagte Reinhard Urbach damals entschieden, „gehe ich nicht“. Zwei Tage später fuhr er – mit einer Rückfahrkarte, die seine Ausreise verschleiern sollte – nach Berlin, passierte dort die Grenze und kam in ein Auffanglager. Dort wurde sein Flüchtlingsstatus festgestellt. Es gab drei Kategorien: „A waren die Vertriebenen aus dem Osten, B die politisch Verfolgten, C die mit Anlass“. Reinhard Urbachs ‚Anlass‘, das verhinderte Studium und die Zwangseinrückung, wurde akzeptiert. So ist aus Reinhard Urbach einer der Kategorie C, „einer mit Anlass“ geworden.
Die vielen Anlässe, die im Leben von Reinhard Urbach eine Rolle gespielt haben, waren, in aller Regel, Anlässe zur Arbeit, zu so viel Arbeit, dass sie sich nicht nur zu einem, sondern gleich zu mehreren Lebenswerken zusammengeschlossen hat. Zunächst begann er sein Studium, für das er die Republikflucht auf sich genommen hatte; ohne Familie, ohne Freunde, in fremden Städten durchzukommen, zuerst in Köln und dann in Bonn, das gelang Reinhard Urbach offensichtlich mit der Hilfe von Büchern. In Bonn wurde Richard Alewyn sein Lehrer. Alewyns Schüler wollten selbstverständlich alle zu Hofmannsthal arbeiten – das eben nahm Reinhard Urbach zum Anlass, sich nicht mit ihm, sondern mit dessen großem Antipoden in der Wiener Moderne zu beschäftigen, und damit begann eine lebenslange Beziehung, nämlich die zu Arthur Schnitzler. Seine Loyalität zu diesem Autor, man könnte sogar sagen, seine Parteilichkeit für ihn ist unverbrüchlich. Am Ende seiner Studie über Scham und Ehre bei Schnitzler heißt es: „Dass die Form des ‚Inneren Monologs‘, die so viel verletzte Intimität und verborgene Vertrautheit zu fingieren imstande ist, so wenig Nachfolge gefunden hat; dass Autoren, die sich mit der Erfindung eitler besserwisserischer Erzähler wichtig machen, und immer noch – wie Thomas Mann – Arthur Schnitzler im Rang vorgeordnet werden, wie ist das zu erklären?“
Nachdem dann Richard Alewyn den Kontakt zu Schnitzlers Sohn Heinrich hergestellt hatte, zog Reinhard Urbach 1964 nach Wien. Er verfasste die allererste Monographie zu Schnitzler, schrieb den bis heute völlig unersetzlichen Kommentar zu den Erzählenden Schriften und Dramatischen Werken, promovierte schließlich über Schnitzlers Grünen Kakadu, gab – wieder einmal als Erster – einen Band mit Texten aus dem Nachlass heraus und hat seither Dutzende von Studien und Editionen vorgelegt.
Ein herausragendes Projekt war die ab 1981 erfolgende Herausgabe von Schnitzlers Tagebuch, vorgenommen von der damals so genannten „Kommission für literarische Gebrauchsformen“ an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, geleitet von Werner Welzig. Das über mehr als ein halbes Jahrhundert geführte Tagebuch ist nicht nur für Generationen von Schnitzler-Forschern, sondern auch für Kulturhistoriker überhaupt ein einzigartiges Gedächtnisreservoir geworden. Dabei war von Reinhard Urbach zu lernen, wie ein solches Vorhaben zu strukturieren und zu organisieren sei; es war von seiner Ordnung zu lernen, seiner Sorgfalt, seiner Selbstdisziplin und Diplomatie, von seinen unglaublichen Kenntnissen, nicht nur Schnitzler und sein Werk betreffend, sondern den ganzen kulturellen und sozialhistorischen Kontext dieser Epoche. Er war ein hervorragender Lehrer, ohne jede pädagogische Aufdringlichkeit.
Das Tagebuchprojekt und seine Schnitzler-Forschung überhaupt betrieb Reinhard Urbach neben einigen anderen Tätigkeiten, die sonst für eine Biographie vollkommen ausreichen: 1975 wurde er Kulturreferent der Stadt Wien und nahm das zum Anlass, die Alte Schmiede als Veranstaltungsraum zu gründen, und zwar mit der ausgesprochenen Absicht, jüngeren und avantgardistischen Autorinnen und Autoren eine Plattform zu geben. Ebenso initiierte er die Veranstaltungsreihe Literatur im März. In Anbetracht der abertausend Lesungen, Musikvorführungen, Performances, Diskussionen usw., die seither in diesen beiden Rahmen stattgefunden haben, muss man sagen: So geht Kulturförderung.
Nach dem Literaturwissenschaftler und Philologen, nach dem Kulturreferenten und Organisator gilt es, Reinhard Urbach noch in einer weiteren Rolle zu würdigen, nämlich in der des Theatermanns. Von 1979 bis 1986 war er Chefdramaturg des Burgtheaters. In einem wunderbaren Buch darüber hat er nicht nur dessen Geschichte und die es umrankenden Mythen dargestellt, sondern auch sein prinzipielles Verständnis von der neuen Ära des Achim Benning: „[D]as Burgtheater schließt sich nicht ab, es unterwirft sich keinem einheitlichen Stil, es bedient nicht politische, ideologische, mythologische Erwartungen, es ist vielgestaltig und neugierig, undoktrinär und auf der Suche nach nie Dagewesenem und Entdeckbarem, wie es dem demokratischen Verständnis eines großen Theaters entsprechen mag.“ In diesen Jahren gab es 25 Uraufführungen und 122 Erstaufführungen. Von Schnitzler wurde unter anderem Professor Bernhardi (mit Norbert Kappen) und Der einsame Weg (mit Michael Heltau und Birgit Doll) gespielt. Allen, die diese Inszenierungen gesehen haben, wird die Integrität des Umgangs sowohl mit dem Text als auch mit dem Ensemble unvergesslich bleiben. Lebende Autoren wurden dabei mitunter vom Ehepaar Urbach gastfreundlich aufgenommen, wie zum Beispiel Elias Canetti (dessen Komödie der Eitelkeit und Hochzeit auf die Bühne kam). Ein Anliegen der Direktion Benning war es, Kinder als Publikum zu gewinnen, und dieser Intention ist Reinhard Urbach dann noch sehr viel intensiver nachgekommen, als er von 1988 bis 2002 das „Theater der Jugend“ leitete. „Kinder“, so schreibt Reinhard Urbach, „unterscheiden sich als Theaterbesucher von den Abonnenten dadurch, daß sie nicht regelmäßig kommen, daß ihnen Theater die festliche Ausnahme ist. Sie besuchen nicht das Theater, wie man einen Kranken zu besuchen sich zur Pflicht macht, sie kommen – normalerweise in höchster Erregung – zu einem phantastischen Abenteuer. Im Theater wird den Kindern nicht das Leben erklärt, sondern die Hoffnung.“
Unvergesslich bleiben Reinhard Urbachs eigene, unerschöpfliche Ressourcen an theoretischen wie praktischen Kenntnissen hinsichtlich Literaturwissenschaft, Editorik, Dramaturgie und Kulturorganisation.
(Aus: Konstanze Fliedl: Einer „mit Anlass“. Zu Reinhard Urbachs Lebenswerken, Alte Schmiede, 17. 2. 2020)
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