Warum man Schnitzler neu edieren muss

Warum man Schnitzler neu edieren muss

1. Drucke

Arthur Schnitzlers Texte sind dem Lesepublikum heute überwiegend als – angeblich nach den Erstausgaben durchgesehene – Fischer-Taschenbücher zugänglich. Es ist allerdings einigermaßen erstaunlich, in welchem Zustand sich die Werke des Wiener Klassikers dort befinden. Die folgenden, aus einer langen Fehlerliste1Vgl. Konstanze Fliedl: Rücksichtslos. Zu einem Band der neuen Schnitzler-Ausgabe. In: Text 6 [Kommentar 1] (2000), S. 121–124. ausgewählten Beispiele stammen aus einem einzigen Roman, dem Weg ins Freie (1908).

Der recht problematische Held des Buches ist der junge Baron Georg von Wergenthin, der sich als Komponist versteht, dessen Arbeiten jedoch meist in den Anfängen stecken zu bleiben pflegen. Eine Liebesbeziehung zur kleinbürgerlichen Musiklehrerin Anna bleibt nicht ohne Folgen, Georg lehnt eine Legitimation des Verhältnisses zu der Schwangeren jedoch ab. Zur Entbindung wird Anna in einem kleinen Ort außerhalb Wiens untergebracht. Die Niederkunft ist qualvoll, das Neugeborene stirbt unmittelbar nach der Geburt. Erst danach betritt Georg Annas Zimmer, die sich nun vor allem darum sorgt, ob Georg durch ihre Entbindung wohl im Komponieren gestört worden sei:

Arthur Schnitzler: Der Weg ins Freie. Roman. Berlin: S. Fischer 1908, S. 373.

Arthur Schnitzler: Der Weg ins Freie. Roman. Berlin: S. Fischer 1908, S. 373.

Die Ironie des heiratsunwilligen Georg ist unheimlich doppelbödig: Denn selbstverständlich hat er das störende Kinderkriegen als „rücksichtslos“ empfunden, seine ‚lächelnd‘ gegebene Beruhigung kippt in die Deklaration seiner mühsam verhüllten Gefühle.

In der Taschenbuchausgabe liest man es anders. Einem redlichen Lektor ging der blasierte Georg wohl schon ebenso lange auf die Nerven, wie ihm die arme Anna leid tat, und flugs wurde korrigiert:

Arthur Schnitzler: Der Weg ins Freie. Ro-man. Frankfurt am Main 1990, 92007 (= Fischer-Tb 9405), S. 291.

Arthur Schnitzler: Der Weg ins Freie. Roman. Frankfurt am Main 1990, 92007 (= Fischer-Tb 9405), S. 291.

Die Gegenironie des narrativen Arrangements ist damit gnadenlos getilgt.

Zu Georgs Bekanntenkreis zählt auch Else Ehrenberg, ein junges Mädchen aus reichem jüdisch-großbürgerlichen Haus. Ihr Männlichkeitsideal, so sagt es einmal ein boshafter Freund der Familie, sei ein

drucke-bsp_3_weg-ins-freie_gemisch-vondrucke-bsp_4_weg-reiter-und [EA S. 17].

Die Taschenbuchausgabe setzt ihren Geschmack ganz ohne absichtliche Medisance ins rein Muskuläre herab: Else träumt hier von einem

Gemisch von Herrenreiter und Athleten

Tb S. 15.

Der jüdische Schriftsteller Heinrich Bermann, zu dem Georg eine gezwungen-freundschaftliche Beziehung unterhält, äußert sich wiederum im Taschenbuch einmal so:

Ich will Ihnen nur sagen, daß mir alle Dinge, die irgendwie mit Musik zusammenhängen, im Grund der Seele zuwider sind.

Tb S. 238.

Das nimmt wunder, da er ja für Georgs geplante Oper ein Libretto schreiben soll. Aber in der Erstausgabe heißt es ja auch:

Ich will Ihnen nur sagen, daß mir alle Dinge, die irgendwie mit Mystik zusammenhängen, im Grund der Seele zuwider sind.

EA S. 303.

Dass der Text durch diese und zahllose weitere Fehler korrumpiert ist, ist umso gravierender, als etwa auch die von Michael Scheffel benachwortete – und angeblich ebenfalls „nach den ersten Buchausgaben durchgesehene“ – Ausgabe im Rahmen der ‚Ausgewählten Werke‘ (1999) dieselben Errata enthält.

Wenig andere Autoren vom Rang Schnitzlers sind wohl in dermaßen entstellten Textversionen zu lesen. Eine kritische Ausgabe mit einem integralen Text ist daher unbedingtes Desiderat.

2. Die ‚Urfassung‘ des Reigen

Der seinerzeit von Reinhard Urbach im Rahmen der ‚Gesammelten Werke‘ aus dem Nachlass herausgegebene Band Entworfenes und Verworfenes (1977) ist seit 2002 vergriffen. Damit war vorerst keine Edition von Schnitzlers Werkmanuskripten mehr auf dem Markt. Zwei Jahre später aber erschien ein durch die S. Fischer Stiftung geförderter Band, die sogenannte ‚Urfassung‘ von Schnitzlers Reigen; die Handschrift gehört der Fondation Martin Bodmer.2Arthur Schnitzler: Ein Liebesreigen. Die Urfassung des „Reigen“. Hrsg. v. Gabriella Rovagnati. Berlin: S. Fischer 2004.  In einer Besprechung für die  Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 30. 6. 2004 lobte Hans-Albert Koch die Ausgabe rückhaltlos als Musterbeispiel von „Gründlichkeit“ und „strenge[r] Philologie“ → zur Rezension [=PDF!].

Peter Michael Braunwarth dagegen, der unbestritten beste Kenner von Schnitzlers Handschrift, hat an dieser Edition nicht nur eine Serie von inkorrekten Zitaten belegt. Bloß anhand der zwei Dutzend Faksimiles, die dem edierten Text beigegeben sind, wies er auch gravierende Entzifferungsfehler nach, neben „konsterniert“ statt begeistert, „spazierte“ statt strawanzt, „möchte“ statt muss u. a. etwa die folgenden:3Peter Michael Braunwarth: Minutenlang ausgerutscht oder ununterbrochen ausgeglitten?
Anmerkungen zu einer neuen Schnitzler-Edition. In: Hofmannsthal-Jahrbuch . zur europäischen Moderne 13 (2005), S. 295-300.

reigen-urfassung_bsp-1_auf-die-tatzen auf die Tasse … recte: auf die Tatzen …
reigen-urfassung_bsp-2_ununterbrochen minutenlang recte: ununterbrochen
reigen-urfassung_bsp-3_persischem gestreiftem recte: persischem

Dessen ungeachtet publizierte die Herausgeberin fünf Jahre später nochmals vier Faksimiles zu ihrer Edition.4Gabriella Rovagnati: Wie ich zur Edition des Ur-Reigen kam. In: Lorenzo Bellettini / Peter Hutchinson (Hrsg.): Schnitzler’s Hidden Manuscripts. Oxford [u. a.]: Peter Lang 2010 (= Britische und irische Studien zur deutschen Sprache und Literatur 51), S. 81–98.  Und wieder ergibt der Vergleich dieser wenigen Seiten mit der Entzifferung eine Reihe von Fehlern, etwa „dreist“ statt vielleicht, „Schluß“ statt Gschicht, „kannt“ statt brauch. Darüber hinaus wurde eine Figur schlichtweg erfunden:

reigen-urfassung_bsp-4_die-aerzte Doctor Angler recte: Die Aerzte

Besonders bemerkenswert ist die Wiedergabe der Vorfassung der 10. Szene, des Dialogs zwischen Graf und Dirne. Die Regieanweisung sieht vor, dass der Graf der Dirne an die Brust greift. Darauf sie:

reigen-urfassung_bsp-5_dirne-was-ich Dirne .. Was, ich hab eine feste. Das kommt
halt vom soliden Leben ..

In der Ausgabe hingegen verschwindet nicht nur die derbe Ironie der Prostituierten, sondern es wird auch lüstern – und berlinerisch – gefaselt:

reigen-urfassung_bsp-5_dirne-was-ich DIRNE . . Was, ich hab ne feste. Da komm halt einen Blick
haben . .

Da nur 30 von insgesamt 370 handschriftlichen Blättern im Faksimile veröffentlicht sind, lässt sich nur abschätzen, wie mangelhaft die Ausgabe insgesamt ist; dieser Liebesreigen ist gehörig aus dem editorischen Takt geraten.

Wie der allergrößte Teil von Schnitzlers Werkmanuskripten wartet also auch der Reigen noch auf eine korrekte Transkription.

   [ + ]

1. Vgl. Konstanze Fliedl: Rücksichtslos. Zu einem Band der neuen Schnitzler-Ausgabe. In: Text 6 [Kommentar 1] (2000), S. 121–124.
2. Arthur Schnitzler: Ein Liebesreigen. Die Urfassung des „Reigen“. Hrsg. v. Gabriella Rovagnati. Berlin: S. Fischer 2004.
3. Peter Michael Braunwarth: Minutenlang ausgerutscht oder ununterbrochen ausgeglitten?
Anmerkungen zu einer neuen Schnitzler-Edition. In: Hofmannsthal-Jahrbuch . zur europäischen Moderne 13 (2005), S. 295-300.
4. Gabriella Rovagnati: Wie ich zur Edition des Ur-Reigen kam. In: Lorenzo Bellettini / Peter Hutchinson (Hrsg.): Schnitzler’s Hidden Manuscripts. Oxford [u. a.]: Peter Lang 2010 (= Britische und irische Studien zur deutschen Sprache und Literatur 51), S. 81–98.
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